378,9 Milliarden Euro: Was hinter den Schulden deutscher Kommunen steckt

Wer wissen will, wie hoch eine Stadt verschuldet ist, kommt mit dem Haushalt des Rathauses nicht immer weit. Einschließlich ihrer Beteiligungen hatten Deutschlands Gemeinden und Gemeindeverbände außerhalb der Stadtstaaten Ende 2025 Schulden von 378,9 Milliarden Euro bei Banken und anderen nicht-öffentlichen Gläubigern. Das meldet Destatis am 29. Oktober 2026. Die Rechnung reicht über die Gemeindekasse hinaus. Ob eine Kommune ihre Schulden tragen kann, verrät die Summe allein noch nicht.
Die sogenannte integrierte Modellrechnung ordnet den Kommunen auch Schulden ausgegliederter Einrichtungen und Unternehmen zu. Insgesamt stieg der so erfasste Schuldenstand 2025 um 9,9 Prozent. Es geht um den Stand zum Jahresende 2025, nicht um neue Kredite aus diesem Oktober.
Auch die Stadtwerke gehören ins Bild
Ein Verkehrsbetrieb, eine Versorgungsgesellschaft oder eine andere kommunale Beteiligung kann Kredite in eigenen Büchern führen. Ein Blick allein auf den Haushalt der Stadt erfasst solche Verbindlichkeiten nicht vollständig. Deshalb beziehen die Statistikämter neben den Kernhaushalten auch Extrahaushalte und weitere öffentliche Fonds, Einrichtungen und Unternehmen mit direkter oder indirekter kommunaler Beteiligung ein.
Der Vorteil: Für den Vergleich zählt weniger, ob eine Aufgabe unmittelbar im Rathaus oder in einer ausgegliederten Organisation erledigt wird. Die Statistik folgt den Beteiligungen auch über mehrere Ebenen. So wird ein größerer Teil der kommunalen Wirtschaftsstruktur sichtbar.
Daraus folgt allerdings keine pauschale Haftung des Rathauses für sämtliche zugerechneten Kredite. Destatis warnt ausdrücklich davor, aus der Modellrechnung rechtliche Haftungsrisiken abzuleiten. Die Zuordnung eines Unternehmenskredits zur Kommune und die Frage, wer im Ernstfall dafür einstehen muss, sind zwei verschiedene Dinge.
Beim jüngsten Anstieg lag das stärkste Wachstum in den kommunalen Kernhaushalten: Dort nahmen die Schulden 2025 um 15,5 Prozent zu, in den Extrahaushalten um 14,7 Prozent. Bei den sonstigen öffentlichen Fonds, Einrichtungen und Unternehmen betrug der Zuwachs 4,5 Prozent. Auch in den eigenen Haushalten der Gemeinden wuchs die Verschuldung somit kräftig.
Hessen hat das höchste Niveau, Niedersachsen den stärksten Zuwachs
Umgerechnet auf die Einwohner der erfassten Kommunen waren es Ende 2025 4.907 Euro Schulden pro Einwohner. Berlin, Bremen und Hamburg sind nicht enthalten: Die Stadtstaaten werden in dieser Statistik der Länderebene zugerechnet. Der Durchschnitt ist deshalb kein Wert für alle Einwohner Deutschlands.
Die Kommunen in Hessen lagen mit 6.763 Euro je Einwohner am höchsten, gefolgt vom Saarland mit 6.408 Euro. Brandenburg hatte mit 2.733 Euro den niedrigsten Wert. Das sind zusammengefasste kommunale Schulden innerhalb eines Landes, nicht die Schulden des jeweiligen Landeshaushalts.
Beim Wachstum sieht die Reihenfolge anders aus. Niedersachsen verzeichnete mit 13,3 Prozent den stärksten Anstieg, Baden-Württemberg folgte mit 13,1 Prozent. Im Saarland nahm die integrierte Verschuldung dagegen nur um 2,3 Prozent zu. Ein geringer Zuwachs kann also mit einem weiterhin hohen Schuldenstand einhergehen.
Hinzu kommt eine politische Entscheidung, die den Vergleich beeinflusst: Im Saarland übernahm das Land im Rahmen des Saarlandpakts weiterhin kommunale Kassenkredite. Solche Kredite dienen der Überbrückung von Liquiditätsengpässen. Eine Übernahme kann die Gemeinde entlasten. Die öffentliche Verpflichtung verschwindet damit aber nicht einfach; sie wechselt auf die Landesebene.
4.907 Euro pro Kopf sind keine Rechnung an jeden Einwohner
Der Pro-Kopf-Betrag verteilt einen Schuldenstand rechnerisch auf die Bevölkerung. Er sagt weder, dass jeder Einwohner diesen Betrag bezahlen muss, noch wie stark die örtlichen Leistungen unter Druck stehen. Dafür fehlen entscheidende Informationen.
Zu einem Kredit können Vermögenswerte und Einnahmen gehören. Ein kommunales Unternehmen kann etwa Anlagen besitzen und aus seinem Betrieb Erlöse erzielen. Ob diese ausreichen, hängt unter anderem von Kosten, Zinsen und Rückzahlungsterminen ab. Die neue Statistik liefert keine vollständige Gegenüberstellung der Schulden mit dem kommunalen Vermögen. Ein Urteil über die Zahlungsfähigkeit einer einzelnen Stadt lässt sich daraus nicht gewinnen.
Umgekehrt wird ein hoher Kreditbetrag nicht dadurch harmlos, dass dahinter ein Unternehmen steht. Steigen dessen Finanzierungskosten oder fallen Einnahmen aus, muss geklärt werden, wer die Belastung trägt. Ob daraus höhere Gebühren, ein Zuschussbedarf oder eine andere Folge entsteht, muss am konkreten Fall geprüft werden. Die Modellrechnung beantwortet das nicht.
Schuldenstand und Haushaltsloch sind unterschiedliche Größen
Die 378,9 Milliarden Euro sind der aufgelaufene Bestand an Schulden zu einem Stichtag. Ein Haushaltsdefizit beschreibt dagegen, wie weit Ausgaben und Einnahmen in einem Zeitraum auseinanderliegen. Beides hängt zusammen, ist aber nicht austauschbar. Auch eine Veränderung des Schuldenstands lässt sich nicht ohne weitere Prüfung als Haushaltsdefizit lesen.
Warum Gemeinden trotz Investitionshilfen Mühe haben können, laufende Leistungen zu finanzieren, erklärt unsere Analyse der kommunalen Haushaltslage. Das ist die ergänzende Frage zur neuen Schuldenrechnung: Welche Ausgaben kehren jedes Jahr wieder, und welche Einnahmen stehen ihnen gegenüber?
Warum die Summe nicht auf Deutschlands Staatsschuld obendrauf kommt
Für den europäischen Vergleich wird die Staatsschuld nach gemeinsamen EU-Regeln gemessen. Diese sogenannte Maastricht-Verschuldung erfasst den Gesamtstaat, also mehr als den Bundeshaushalt. Welche Unternehmen dazugehören und welche Verbindlichkeiten zählen, folgt dabei einer anderen Abgrenzung als in der kommunalen Beteiligungsrechnung. Destatis bezeichnet die Werte abseits der Kernhaushaltsschulden ausdrücklich als nicht vergleichbar.
Die 378,9 Milliarden Euro dürfen deshalb nicht einfach zu Deutschlands Staatsschuld addiert werden. Auf unserer Deutschland-Seite zur Staatsverschuldung lassen sich die amtlichen Schuldenstände des Gesamtstaates und ihre Entwicklung nachlesen. Der dort zusätzlich gezeigte Live-Zähler ist eine Modellrechnung zwischen Veröffentlichungen. Wer Länder vergleichen möchte, findet im Vergleich der Schuldenquote die harmonisierte Staatsschuld im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung.
Für die Debatte vor Ort schärft die neue Rechnung vor allem eine Frage: Welche Verpflichtungen gehören zum kommunalen Umfeld, und aus welchen Einnahmen werden sie bedient? Eine Stadt, die darüber Auskunft gibt, sollte neben dem Kreditbetrag auch Rückzahlungstermine, verfügbare Einnahmen und mögliche Zuschüsse an ihre Unternehmen nennen. Dort zeigt sich eher, wie viel Spielraum für die Leistungen bleibt, auf die ihre Einwohner angewiesen sind.
Quellen und Einordnung
Recherche, vollständiger Entwurf und getrennte Quellen-, Argumentations- und Sprachprüfungen mit KI-Unterstützung für EU Debt Map Research. Eine unabhängige menschliche oder muttersprachliche Schlussredaktion wurde nicht durchgeführt. Die KI-generierte Illustration zeigt ein fiktives Straßenbahndepot; sie dokumentiert weder einen realen Betrieb noch dessen Kreditaufnahme.
Die Destatis-Modellrechnung erfasst Schulden gegenüber dem nicht-öffentlichen Bereich zum 31. Dezember 2025. Die Veränderungsrate bezieht sich auf den Anfangsbestand 2025 bei konstanter Grundgesamtheit. Nicht mehrheitlich öffentlich bestimmte Einheiten und Einheiten mit Sitz im Ausland werden nicht erfasst. Die Stadtstaaten fehlen. Es wurde keine eigene zusätzliche Schuldensumme errechnet und keine Rangliste einzelner Städte ausgewertet.
Methodik und Datenabgrenzungen von EU Debt Map
- Destatis, Pressemitteilung 378 vom 29. Oktober 2026: integrierte kommunale Schulden 2025 (geprüft am 29. Oktober 2026).
- Deutsche Bundesbank: Methodik des Maastricht-Defizits und -Schuldenstands (geprüft am 29. Oktober 2026).
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